WALTER STÖHRER - KRAFTFELDER
Retrospektive
16. September - 05. Dezember 2010
Eröffnung: Mittwoch, 15. September 2010, 20.00 Uhr
durch Ministerpräsident Peter Harry Carstensen
Walter Stöhrer (1937-2000) gehört zu den rebellischen Einzelgängern in der deutschen Kunst. Im Jahr der Kulturhauptstadt RUHR.2010, in das zugleich der 10. Todestag des Künstlers fällt, ehrt das MKM den Maler mit der ersten umfassenden Werkschau im Ruhrgebiet. Ausgehend von einigen frühen Gemälden aus den 1960er Jahren werden auf ca. 1.000 qm Ausstellungsfläche verschiedene Schaffensphasen bis hin zum letzten Bild ausgestellt. 

Der 1937 in Stuttgart geborene Walter Stöhrer begann 1955 sein Studium an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Karlsruhe und studierte dort von 1957 bis 1959 bei HAP Grieshaber. Der sozial und politisch engagierte Zeichner und Holzschneider Grieshaber war wichtiger Impulsgeber für die "Neue Figuration" und förderte Selbstbewusstsein und Eigeninitiative seiner Schüler, zu denen u.a. auch Horst Antes, Hans Baschang, Dieter Krieg und Heinz Schanz gehörten. Die Nähe zur figurativen Malerei bleibt auch in Stöhrers Werk stets gegenwärtig und grenzt ihn zum Informel eindeutig ab.
Nach seinem Studium zog Walter Stöhrer im Alter von 22 Jahren nach Berlin um, wo er sich zunächst intensiv mit der Technik der Kaltnadelradierung auseinandersetzte. Die Radierung erwies sich für ihn als Mittel zur gestisch-dynamischen Umsetzung kreativer Gestaltungs-prozesse und besaß eine wichtige Formfindungsfunktion für sein malerisches Schaffen. 1964 erhielt Stöhrer den Kritikerpreis der Stadt Berlin, es folgten 1971 der Will-Grohmann-Preis, 1976 der Berliner Kunstpreis der Akademie der Künste und 1977 der Villa-Romana-Preis. Von 1981 bis 1982 war Stöhrer Gastprofessor an der Hochschule der Künste in Berlin, wo er von 1986 an bis zu seinem Tod als ordentlicher Professor tätig war. Stöhrers Schüler an der HdK waren u.a. Andreas Amrhein, Johannes Kahrs und Bernd Schwarting. Als weitere Kunstpreise wurden ihm im Lauf der Jahre u.a. 1982 der Kunstpreis der Stadt Nordhorn, 1995 der Molfenter-Preis Stuttgart und 1999 der Jerg Ratgeb-Preis in Reutlingen verliehen. 




Schon früh fand Stöhrer seinen eigenen künstlerischen Weg, dem er bis zu seinem Tod im April 2000 in außerordentlicher Kreativität und Konsequenz folgte. Stöhrers Gemälde, Gouachen, Zeichnungen und Radierungen leben aus dem farbintensiven, freien Zusammenspiel von Schrift, Zeichnung und Malerei mit gleichermaßen figurativen wie expressiv-gestischen Ausdrucksmitteln. In seinem zumeist sehr großformatigem malerischen Schaffen (das im Jahr 2008 herausgegebene Werkverzeichnis seiner Malerei umfasst ca. 590 Werke) ist besonders die frühe 4teilige Arbeit "Schlachtet den Vater" hervorzuheben: In einer fünfstündigen öffentlichen Malaktion übermalte Walter Stöhrer 1969 im Württembergischen Kunstverein Stuttgart vier großformatige Zeichnungen (je 220 x 630 cm) seines Professors HAP Grieshaber, der seinen ehemaligen Studenten selbst dazu eingeladen hatte. Das beeindruckende Ergebnis verdeutlicht die Autonomie und das gestalterische Selbstverständnis des jungen Malers, den Grieshaber selbst als seinen besten Schüler bezeichnete und dessen Malaktion den Akt der Auseinandersetzung und Loslösung von Lehrer und Vorbild demonstrierte und die Eigenständigkeit Stöhrers dokumentiert.
Stöhrers Bildern wohnen zeitlose Kraft, große Schönheit und Frische inne. Sie führen dem Betrachter unmittelbar die überwältigende Lebens- und Schaffensintensität des Künstlers vor Augen und eröffnen einen bildnerischen Kosmos aus ineinander verwobenen Farben, Formen und Bewegungen. Seine Bilder sind dynamische Kraftfelder innerbildlicher Aktionen und Reaktionen, Beziehungen und Spannungen. Sie versinnbildlichen Werden und Vergehen, den steten Wandel unseres Daseins. In Stöhrers Bildtiteln zitierte wie auch handschriftlich auf die Leinwände geschriebene Texte, Auszüge aus Dichtung und Lyrik, haben eine besondere Bedeutung für die Werke Walter Stöhrers: Solche Textfragmente haben ebenso assoziative wie gestalterische Funktion für die Bildschöpfung einerseits und die Bildwahrnehmung andererseits. 


Das Werk von Walter Stöhrer wurde bereits zu Lebzeiten des Künstlers museal gewürdigt. Dabei überrascht die Tatsache, dass Ausstellungsschwerpunkte bisher fast ausschließlich im süddeutschen Herkunftsraum und im Norden Deutschlands lagen. Das Duisburger Museum Küppersmühle möchte nun gerade im Jahr der Kulturhauptstadt RUHR.2010 diesen bedeutenden deutschen Künstler ehren, der die Kunst im 20. Jahrhundert wesentlich mitgeprägt hat und der nun hier in der Region Ruhrgebiet erstmals mit einer umfassenden Werkschau vorgestellt wird.
Schwerpunktmäßig werden vor allem Gemälde, daneben aber auch einige Papierarbeiten und Tuschen zu sehen sein. Neben seinem großformatigen malerischen Œuvre hat Walter Stöhrer ein umfangreiches druckgraphisches Werkkonvolut fast ausschließlich aus Kaltnadel-Radierungen geschaffen. Diese Arbeiten verdeutlichen die gestalterische Dynamik und Spontaneität des Künstlers und besitzen eine wichtige Formfindungsfunktion für seine gemalten Bilder. Daher wird auch eine 14teilige Folge aus großformatigen Kaltnadelradierungen (Horror trip", 1969) vorgestellt und gewürdigt werden.
Um Stöhrers schöpferische Arbeitsprozesse zu vermitteln, werden in einem Studio-Bereich die Präsentation einiger früher Künstler-Kladden und Briefdokumente präsentiert, in denen Formfindungsprozesse, Skizzen und Übermalungen festgehalten und Gedichte und Textauszüge notiert sind. Daneben werden poetische Textfragmente und Gedichte, die dem Künstler als "Auslöser" zur Bildschöpfung dienten, vereinzelt sowohl in der Ausstellung als auch im Katalog zitiert.
Die Ausstellung findet statt in enger Zusammenarbeit mit der Walter Stöhrer-Stiftung in Scholderup.
(Text: Eva Müller-Remmert, Kuratorin der Ausstellung)

|